03.05.2011
Klaus Winter, der Vorsitzende der Kameradschaft der Hahnenkammkaserne, hatte zum letzten Dämmerschoppen beim "Posthalter" in Heidenheim einen ausgewiesenen Kenner der Bundeswehr eingeladen: den FDP-Bundestagsabgeordneten Rainer Erdel. Der Oberst d. R. ist Mitglied des Verteidigungsausschusses. Zuletzt war er als "gespiegelter G4" bei der Division "Luftbewegliche Operation" in Veitshöchheim. Nach seiner aktiven Dienstzeit hat er an die 90 Wehrübungen zwischen Kiel und Sonthofen absolviert, 1989 kommandierte er eine große Übung mit 130 Reservisten des in Nürnberg stationierten Transportbataillons 270.
Erdel, der in Dietenhofen im Landkreis Ansbach einen 100-Hektar-Hof bewirtschaftet und sich als Pionier in der Nutzung von erneuerbaren Energien hervorgetan hat, gibt sich als bekennender Offizier aber nicht dem absoluten Korpsgeist hin. Er weiß um die Befindlichkeiten im militärpolitischen Apparat: "Wir werden im Verteidigungsausschuss längst nicht umfassend informiert. Eine Reihe von Planungen läuft betriebsintern unter den Uniformträgern."
Die veränderte sicherheitspolitische Lage in Europa hat, so Erdel, in allen Armeen zu massiven Eingriffen geführt. Die Holländer wollen beispielsweise ihre 60 Panzer verkaufen. Überall gibt es zu viel militärisches Großgerät, aber die bei der Industrie bestellten Flugzeuge, Schiffe und andere Waffen müssen abgenommen werden. Zu salopp waren dem FDP-Politiker auch manche Äußerungen des früheren Verteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg. Sie hätten zu hohe Erwartungen geweckt, dass sich in ein paar Jahren acht Milliarden Euro einsparen lassen.
Was die Auslandseinsätze betrifft, muss sich Deutschland nach Erdels Meinung nicht verstecken, denn immerhin sind rund 7500 Soldaten "im Felde", allein 5100 in Afghanistan. Die Vereinten Nationen haben in diesem Krisengebiet 120000 Kräfte aus 48 Nationen im Einsatz, darunter 78000 Amerikaner. Der Abgeordnete spricht von einer diffusen Situation: "Hier knallen die Schüsse, dort trinken die Menschen friedlich ihren Tee." Respekt hat der Reserveoffizier vor den Soldaten, die dort ihren Job machen: "Bei 52 Grad im Schatten und einer 15 Kilogramm schweren Splitterschutzweste um den Bauch hält sich das Vergnügen in Grenzen."
Die Schlagzeilen, die die Bundeswehr in den letzten Monaten gemacht hat, sind nach Erdels Ansicht vielfach auf Organisationsdefizite zurückzuführen. Falsche Informationen hätten beispielsweise zur Abberufung des Gorch-Fock-Kapitäns ("eine Fehlentscheidung") geführt. Wenn eine große Boulevardzeitung den neuen Kapitän beim Wasserskilaufen ablichte, dann seien Fehlinterpretationen nicht ausgeschlossen. Tatsächlich aber sei das Wasserskifahren für die Marinesoldaten genauso ein Sport wie das Jogging für die Grenadiere. "Da ist überhaupt nichts Spektakuläres dran", sagt Erdel. Viel mehr Sorgen macht er sich, wenn es um die Beschaffungspannen geht. Vor vier Jahren hat die Bundeswehr beispielsweise acht "Orion"-Helikopter für 288 Millionen Euro gekauft, die nicht einmal flugfähig sind. Erst nachdem sie für 400 Millionen Euro nachgerüstet wurden, sind sechs jetzt einsatzfähig. Das A-400M-Transportflugzeug koste zwei Milliarden Euro mehr. Die Länder müssten aber zahlen, sonst gehe "Airbus" unweigerlich in die Pleite. "Wie kann so etwas passieren?", fragt sich Erdel - und mit ihm auch die deutschen Steuerzahler. Für den Abgeordneten steht fest: "Das Wirrwarr im Meldewesen und bei den Informationssträngen muss beseitigt werden." Die Bürokratie in der Truppe sei "unglaublich".
Die Reform der Bundeswehr wird auch dazu führen, dass es künftig in Bayern nur mehr zwei oder drei, in ganz Deutschland nur mehr 20 Kreiswehrersatzämter gibt. Erdel verlangt, dass die Bundeswehr attraktive Laufbahnkonzepte anbietet, aber er will keine Fremdenlegion, also keinen Zugang von jungen Leuten ohne deutschen Pass. Unverständlich ist ihm, dass in der freien Wirtschaft ein Meister die Fachhochschule besuchen kann, ein Feldwebel aber nicht studieren darf.
Dass Erdel sich für eine "Veteranenorganisation" innerhalb der Bundeswehr einsetzt, das wird den Reservistenverbänden gefallen. Dem Politiker kommt es nicht darauf an, dass sich dort die ehemaligen Soldaten gegenseitig ihre Heldentaten erzählen, sondern er möchte die Soldaten nicht allein lassen, die zum Teil in ihren Auslandseinsätzen gesundheitlich gelitten haben. Als Beispiel nennt er die Soldaten- und Kriegervereine, die nach den Kriegen entstanden sind: "Das war ein Kreis von Männern, die sich gegenseitig verstanden haben."
Armee vor großen Veränderungen
Bericht von Werner Falk aus dem Altmühl-Boten
HEIDENHEIM (fa) - Gerade einmal 17 Prozent der wehrpflichtigen jungen Männer sind zuletzt eingezogen worden. Das hat ein Gerechtigkeitsproblem geschaffen. Darüber aber redet heute niemand mehr, denn die Wehrpflicht ist formal ausgesetzt, praktisch aber abgeschafft worden. Der Zwang zur Professionalisierung hat auch die Bundeswehr ergriffen, denn ihre Soldaten hantieren längst nicht mehr mit einfachen Gewehren, sondern mit komplizierten Waffensystemen. In der Kürze einer halbjährigen Wehrzeit wäre da ohnehin nichts auszurichten.
Klaus Winter, der Vorsitzende der Kameradschaft der Hahnenkammkaserne, hatte zum letzten Dämmerschoppen beim "Posthalter" in Heidenheim einen ausgewiesenen Kenner der Bundeswehr eingeladen: den FDP-Bundestagsabgeordneten Rainer Erdel. Der Oberst d. R. ist Mitglied des Verteidigungsausschusses. Zuletzt war er als "gespiegelter G4" bei der Division "Luftbewegliche Operation" in Veitshöchheim. Nach seiner aktiven Dienstzeit hat er an die 90 Wehrübungen zwischen Kiel und Sonthofen absolviert, 1989 kommandierte er eine große Übung mit 130 Reservisten des in Nürnberg stationierten Transportbataillons 270.
Erdel, der in Dietenhofen im Landkreis Ansbach einen 100-Hektar-Hof bewirtschaftet und sich als Pionier in der Nutzung von erneuerbaren Energien hervorgetan hat, gibt sich als bekennender Offizier aber nicht dem absoluten Korpsgeist hin. Er weiß um die Befindlichkeiten im militärpolitischen Apparat: "Wir werden im Verteidigungsausschuss längst nicht umfassend informiert. Eine Reihe von Planungen läuft betriebsintern unter den Uniformträgern."
Die veränderte sicherheitspolitische Lage in Europa hat, so Erdel, in allen Armeen zu massiven Eingriffen geführt. Die Holländer wollen beispielsweise ihre 60 Panzer verkaufen. Überall gibt es zu viel militärisches Großgerät, aber die bei der Industrie bestellten Flugzeuge, Schiffe und andere Waffen müssen abgenommen werden. Zu salopp waren dem FDP-Politiker auch manche Äußerungen des früheren Verteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg. Sie hätten zu hohe Erwartungen geweckt, dass sich in ein paar Jahren acht Milliarden Euro einsparen lassen.
Was die Auslandseinsätze betrifft, muss sich Deutschland nach Erdels Meinung nicht verstecken, denn immerhin sind rund 7500 Soldaten "im Felde", allein 5100 in Afghanistan. Die Vereinten Nationen haben in diesem Krisengebiet 120000 Kräfte aus 48 Nationen im Einsatz, darunter 78000 Amerikaner. Der Abgeordnete spricht von einer diffusen Situation: "Hier knallen die Schüsse, dort trinken die Menschen friedlich ihren Tee." Respekt hat der Reserveoffizier vor den Soldaten, die dort ihren Job machen: "Bei 52 Grad im Schatten und einer 15 Kilogramm schweren Splitterschutzweste um den Bauch hält sich das Vergnügen in Grenzen."
Die Schlagzeilen, die die Bundeswehr in den letzten Monaten gemacht hat, sind nach Erdels Ansicht vielfach auf Organisationsdefizite zurückzuführen. Falsche Informationen hätten beispielsweise zur Abberufung des Gorch-Fock-Kapitäns ("eine Fehlentscheidung") geführt. Wenn eine große Boulevardzeitung den neuen Kapitän beim Wasserskilaufen ablichte, dann seien Fehlinterpretationen nicht ausgeschlossen. Tatsächlich aber sei das Wasserskifahren für die Marinesoldaten genauso ein Sport wie das Jogging für die Grenadiere. "Da ist überhaupt nichts Spektakuläres dran", sagt Erdel. Viel mehr Sorgen macht er sich, wenn es um die Beschaffungspannen geht. Vor vier Jahren hat die Bundeswehr beispielsweise acht "Orion"-Helikopter für 288 Millionen Euro gekauft, die nicht einmal flugfähig sind. Erst nachdem sie für 400 Millionen Euro nachgerüstet wurden, sind sechs jetzt einsatzfähig. Das A-400M-Transportflugzeug koste zwei Milliarden Euro mehr. Die Länder müssten aber zahlen, sonst gehe "Airbus" unweigerlich in die Pleite. "Wie kann so etwas passieren?", fragt sich Erdel - und mit ihm auch die deutschen Steuerzahler. Für den Abgeordneten steht fest: "Das Wirrwarr im Meldewesen und bei den Informationssträngen muss beseitigt werden." Die Bürokratie in der Truppe sei "unglaublich".
Die Reform der Bundeswehr wird auch dazu führen, dass es künftig in Bayern nur mehr zwei oder drei, in ganz Deutschland nur mehr 20 Kreiswehrersatzämter gibt. Erdel verlangt, dass die Bundeswehr attraktive Laufbahnkonzepte anbietet, aber er will keine Fremdenlegion, also keinen Zugang von jungen Leuten ohne deutschen Pass. Unverständlich ist ihm, dass in der freien Wirtschaft ein Meister die Fachhochschule besuchen kann, ein Feldwebel aber nicht studieren darf.
Dass Erdel sich für eine "Veteranenorganisation" innerhalb der Bundeswehr einsetzt, das wird den Reservistenverbänden gefallen. Dem Politiker kommt es nicht darauf an, dass sich dort die ehemaligen Soldaten gegenseitig ihre Heldentaten erzählen, sondern er möchte die Soldaten nicht allein lassen, die zum Teil in ihren Auslandseinsätzen gesundheitlich gelitten haben. Als Beispiel nennt er die Soldaten- und Kriegervereine, die nach den Kriegen entstanden sind: "Das war ein Kreis von Männern, die sich gegenseitig verstanden haben."



